Herzlichen Glückwunsch Inge Deutschkron!

23.08.2012: Die Journalistin und Autorin gegen das Vergessen feierte am 23. August 2012 ihren 90sten Geburtstag

Inge Deutschkron lernte ich Anfang 2011 kennen

Am 23. August 1922, also vor 90 Jahren, wurde die Journalistin, Autorin und Sozialdemokratin Inge Deutschkron in Finsterwalde geboren. Sie wuchs in Berlin auf. Ihre Familie wurde ab 1933 wegen ihrer politischen Arbeit in der SPD und als Juden verfolgt. Dem Vater gelang kurz vor Ausbruch des 2. Weltkriegs die Flucht nach England. Die Mutter und Inge mussten in Berlin zurückbleiben und waren von Kriegsbeginn an einer immer grausamer werdenden Verfolgung ausgesetzt.

Das autobiografische Buch Ich trug den gelben Stern ist ihre bekannteste Publikation, auf die das Theaterstück Ab heute heißt du Sara von Volker Ludwig aufbaut, welches das Grips-Theater seit 1988 spielt. Buch und Theaterstück führen lebendig vor Augen, wie es war, in den dunklen Zeiten des Dritten Reichs als Jüdin in Berlin zu leben und zu überleben. Damals 17-jährig, ohne Schulabschluss und Ausbildung, musste sie arbeiten gehen. Die Arbeit in der Blindenwerkstatt von Otto "Papa" Weidt, in der jüdische Blinde Besen und Bürsten herstellten, bewahrte sie zwischen 1941 und 1943 vor der Deportation. Ab Januar 1943 bis Kriegsende 1945 versteckte sie sich mit ihrer Mutter an wechselnden Orten. "Ohne den Mut der sozialdemokratischen Freunde würde ich heute hier nicht sitzen", erzählt Inge Deutschkron heute in ihren Vorträgen. Ihr drohte in dieser Zeit mehrfach der Verrat durch neugierige oder denunziatorische Nachbarn, so dass die beiden ihre Verstecke immer wieder fluchtartig verlassen mussten. Ihre Zufluchtsorte waren unter anderem in der Sächsischen Straße 26, der Westfälischen Straße 64 und der Konstanzer Straße 3 in Wilmersdorf.

Eines ihrer wichtigen Projekte war ab 1988 (sie verließ das Land 1972 und ging nach Israel) der regelmäßige Besuch an Berliner Schulen, wo Inge Deutschkron Zeugnis über ihre Erlebnisse während der dunkelsten Zeit jüngerer deutscher Geschichte ablegte. Es war die Sorge, dass wieder ein Volk, so wie die Deutschen, auf den Nationalsozialismus hereinfällt. Es war die Zeit Anfang der 90er Jahre, als ausländerfeindliche Übergriffe in Deutschland in einigen Regionen zeitweise eskalierten und die "Republikaner" 1989 mit 7,9 % auf Anhieb ins Berliner Abgeordnetenhaus einzogen. Inge Deutschkron sagt, sie beziehe die Kraft für das Schul-Projekt aus ihrem Willen mitzuhelfen, die junge Generation über die Verbrechen der Nazis zu informieren. Außerdem fühle sie sich in der Schuld, dass sie sich versteckte, während andere in die Gaskammern geführt wurden. Sie erklärt in ihren Vorträgen, dass sie ihre Schuld nicht anders abtragen kann, als dass sie die Schicksale anderer bekannt mache, die den Holocaust nicht überlebten.

Heute stellt sich Inge Deutschkron den Fragen von Schülern im Museum Otto Weidt (in der Rosenthaler Straße 39 in Mitte) und beantwortet deren zahlreichen Briefe. Lehrer müssen ihre Schüler vor dem Museumsbesuch auf das Thema Nationalsozialismus vorbereiten. Vor Ort gibt es Erläuterungen sowie Fotos und zeitgeschichtliche Dokumente zu sehen, die einen Einblick in die Arbeit von Otto Weidt, dem "stillen Helden" und das Leben der dort arbeitenden und versteckten Menschen geben.

Inge Deutschkron ist lebendige Geschichte. Sie ist eine streitbare Mahnerin gegen das Vergessen und eine leidenschaftliche Zeitzeugin.

Liebe Inge, ich wünsche Dir auf auf diesem Weg alles Gute und noch viele gesunde Lebensjahre und spannende Gespräche.


s.a. September-Ausgabe 2012, Seite 7 des "Berliner Stadtblattes" (Portrait Inge Deutschkron von Franziska Becker)

Mein Interview mit Inge Deutschkron im Januar 2011.

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