Mehr Raum für Industriekultur in der Hauptstadt
16.03.2016: Mein Gastbeitrag im "forum"-Der Info-Dienst der SGK Berlin
Mein Gastbeitrag als Artikel im SGK-forum (PDF).
Berlin ist industriell geprägt wie nur wenige Städte. Leider verblasst die Geschichte der "Elektropolis" immer mehr. Deshalb sollte Industriekultur fester Bestandteil des Berliner Standortmarketings und der Senatspolitik werden.
Berlin könnte von Essen eine Menge lernen in puncto Industriekultur (hier: Zeche Zollverein).
Die historischen Industriebauten in Berlin begeistern jährlich Millionen von Touristen. Gebäude wie die ehemaligen Elektro- oder Heizkraftwerke, in denen weltbekannte Clubs wie Tresor und Berghain gastieren, monumentale Industriegelände wie das Deutsche Technikmuseum oder die mehr als 100 Jahre alte, denkmalgeschützte Industrielandschaft der Siemensstadt sind gigantische, teils ungenutzte Zeugen einer vergangenen Epoche. Berlin war einmal Ausgangspunkt der industriellen Revolution in Preußen und Deutschland und im 20. Jahrhundert die größte Industriemetropole zwischen Moskau und Paris. Aufgrund der herausragenden Bedeutung für die Elektro- und Eisenbahnindustrie, den Maschinenbau und die Funk- und Nachrichtentechnik, sprach man auch von der Elektropolis Berlin.
Berlin ist längst zum Zentrum für Dienstleistungen, zum Magneten für die weltweite Start-up-Szene sowie Herz des bundesdeutschen Politikbetriebs geworden. Die industrielle Bedeutung schwand nach dem Ende des 2. Weltkrieges und damit zunächst auch das politische Interesse, eine Industriekultur für Berlin zu entwickeln. Die Fraktionen der SPD und CDU im Abgeordnetenhaus fordern deshalb den Senat auf, die Industriekultur noch sichtbarer zu stärken und ihr Potenzial für die Ansiedlung der Kreativwirtschaft zu nutzen. Konkret sieht der Antrag vor, die Industriekultur im überregionalen Marketing von visitBerlin zu verankern, spezielle Themenrouten zu den bedeutendsten Orten der wirtschaftlichen Historie anzubieten sowie die Nutzung der industriellen Stätten durch kreative Unternehmen wie Start-ups, Clubs und Gastronomie zu fördern.
Stillgelegte Kokerei in Essen.
Ruhrgebiet als Vorbild
Wie die Industriekultur die regionale Identität prägen kann, zeigt das Ruhrgebiet. Nicht erst seit der Ruhr.2010, der Auszeichnung des Ruhrgebiets als Kulturhauptstadt Europas, gibt es eine Reihe von spannenden Projekten. Industrielle Monumente wie Fördertürme, Bergbauschächte oder Stahlwerke wurden erhalten und zu kulturellen Anziehungspunkten weit über das Ruhrgebiet hinaus entwickelt.
Die Zeche Zollverein in Essen ist nur ein Beispiel. Wo früher Bergleute und Koker im Steinkohlebergbau "malochten", finden heute hochkarätige Ausstellungen, Konzerte, Theateraufführungen, Festivals, Messen und Märkte statt. Jährlich besuchen rd. 1,5 Mio. Personen die beiden Museen auf dem Gelände des UNESCO-Welterbes. Ähnlich sieht es im Landschaftspark Duisburg-Nord aus, auf dessen rd. 180 Ha großer Fläche neben der Nutzung als Park eine faszinierende Vielfalt an gesellschaftlichen, sportlichen und kulturellen Veranstaltungen besteht.
Das Bergbaumuseum in Bochum hat sich ebenfalls als Touristenmagnet etabliert. All das kostet Geld. Im Gegensatz zu so manch anderer Unmengen an Geld fressenden Großbaustellen im Kulturbereich verbringen die Menschen hier gerne ihre Freizeit.
Für bekannte Berliner Unternehmen aus der Zeit von Elektropolis, wie AEG, Siemens, Osram oder Telefunken, würden sich viele Möglichkeiten ergeben, um an aktuelle Themen wie Energiewende, Elektromobilität und Klimawandel anzuknüpfen. Berlin könnte als Standort für innovative Zukunftstechnologien und neue Industrien noch attraktiver werden. Das Berliner Zentrum für Industriekultur e.V. (BZI) verfolgt diesen Ansatz.
Die für 2016/2017 geplante Aufnahme einer Route der Industriekultur Berlin in das Netzwerk der European Route of Industrial Heritage ist ein sinnvoller Schritt, um mit dem Thema mehr öffentliche Aufmerksamkeit zu schaffen.
Der Senat hat richtig erkannt, dass die Stätten der Industriekultur eine Inspirationsquelle für ein eigenes kulturelles Schaffen und Anknüpfungspunkte für neue regionale Wirtschaftszweige geworden sind. Industriekultur sollte für Berlin ein Zweiklang aus Sichtbarmachen und Bewahren der Zeugen der Industriegeschichte sowie ihrer Umwidmung und Neunutzung für die Zukunft bedeuten. Um wirklich etwas bewegen zu können und die Industriekultur in der Kultur- und Wirtschaftspolitik des Senats zu verankern, sind mehr finanzielle Mittel sowie weitere Netzwerke und Kooperationen zwischen Museen, Hochschulen und privaten Initiativen nötig.
Der Antrag geht auf die parlamentarische Initiative der SPD zurück.
Schriftliche Anfrage Nutzung der Potenziale der Industriekultur in Berlin II, v. 13.07.2012 mit Antwort des Senats.
Industriekultur in Berlin: Starke Vergangenheit-starke Zukunft, Broschüre der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung 2016.
Ausstellung im Ruhrmuseum Essen 2014.